Redakteur
03-08-18

Es passiert nicht alle Tage, dass einer der Fixsterne des Gitarrenuniversums sich bewegt: Martin Guitars haben die Standard-Serie überarbeitet und dabei das eine oder andere Schmankerl platziert.



Dank Williams, Johnny Cash, Neil Young, Bob Dylan und die Beatles haben sie gespielt, genau wie Tausende anderer Gitarristen und Gitarristinnen – die D-28. Wenn man einer akustischen Gitarre das Prädikat „Klassiker“ angedeihen lassen möchte, dann Martins Dreadnought und im Speziellen der D-28. Martin haben nicht nur die wohl meistkopierte Korpusform der Welt mit der Dreadnought-Serie (benannt nach dem Schlachtschiff HMS Dreadnought von 1906) etabliert. Im Gegensatz zum Namensgeber hat die Dreadnought von Martin schon die eine oder andere Schlacht geschlagen, sei es auf der Bühne, am Lagerfeuer, im Studio oder auch nur im kleinen Kreise sangeswütiger Krawallbrüder.

Huch!
Wenn ein derart abgehangenes, tausendfach bewährtes Exemplar hochwertigen Gitarrenbaus, das schon über hundert Jahre auf dem Buckel hat, überarbeitet wird, fragt man sich einerseits, ob das nötig ist, und andererseits, wie das Ergebnis wohl ausgefallen sein mag. Was also haben die Gitarrenbauer der D-28 in der neuen Reimagined Standard Series „angetan“?
Entspannt euch, möchte man als erstes rufen, denn auch wenn sich die Bezeichnung „Reimagined“ nach massiven Veränderungen anhört, so wurde zwar an einigen Schrauben gedreht, die D-28 bleibt aber noch immer eine D-28.
Verändert hat man unter anderem das Halsprofil, das nun ein wenig flacher daherkommt und somit ein moderneres Spielgefühl vermittelt. Firmenchef Chris Martin hat die Veränderungen dergestalt beschrieben, dass man die Dreadnoughts seines Großvaters vor dem Zweiten Weltkrieg mit den Dreadnoughts seines Vaters, die sich in der Folk- Bewegung der ’60er ihre Sporen verdient haben, quasi zusammengeworfen und das Beste daraus gemacht habe. So setzt man, ob bewusst oder unbewusst, mit der Wahl offener Waverly-type-Mechaniken einen Vintage-Kontrapunkt zum modernen Halsprofil. Weiter geht es mit dem Finish, das durch den Zusatz einer Tönung der massiven Sitkafichtendecke die Farbe eines über die Jahrzehnte ins Honiggoldene hinübergedrifteten Exemplars verleiht – stimmig und stilsicher.
Auch die gravierendste Änderung der neuen Serie betrifft die Decke. Martin setzt hier auf das neue „Forward Shifted X“-Bracing, das seinen Namenszusatz eben dadurch verdient, dass man das klassische X-Bracing in Richtung Schallloch verschiebt, was in einem weicheren Anspracheverhalten und strammeren Bässen resultieren soll. Schauen wir mal.

Grundlagen
Veränderungen sind gut, aber was funktioniert, muss man bekanntlich nicht ändern und so setzt auch die D-28 auf die bewährte Kombination Palisander und Fichte, was einem in Zeiten von CITES aus dem Stand einen Exotenbonus beschert. Selbstredend sind Zargen und Boden massiv, für den Hals kommt – Martin-typisch – die kryptische Bezeichnung „Selected Hardwood“ zur Anwendung; in diesem Fall dürfte es sich um Mahagoni handeln.
Der Hals trägt standesgemäß ein Griffbrett aus tiefschwarzem Ebenholz, das mit Perlmuttintarsien in Form schlichter Dots zur Orientierung bestückt ist. An der Binding- losen Flanke finden sich weiße Kunststoff-Dots, die beim Blick von oben den Weg weisen. Orientierung hat man dann durchaus nötig, denn das neue Halsprofil erweist sich als ein flinkes, was die linke Hand zu flotten Lines einlädt, inklusive zackiger Lagenwechsel – da kommen die Dots gerade recht, um nicht aus der Kurve zu fliegen.
Freude bereitet die D-28 auch in ihren Paradedisziplinen Akkord-Strumming und Songbegleitung. Wow, spielt die Lady hier auf! Die Bässe sind prägnant, aber niemals wummernd, die Mitten vor allem in den Tiefmitten präsent. Sie verleihen dem Klang so eine gehörige Portion Durchsetzungsfähigkeit, die von einer Portion gläserner und crisper Höhen verzuckert wird. Was hier fehlt, muss mir mal einer zeigen!
Das ist ein erstklassiges Klangbild, das eine gewisse Kultiviertheit mit Rohheit kombiniert, geeignet für jede Art der Songbegleitung. Auch Boom-Chicka-Country oder Fingerpicking sprudeln nur so aus der D-28 (2017). Wenn man ihr etwas ankreiden könnte, dann, dass sie beim bluesigen Delta-Fingerpicking nicht so knallig wie ihre kleinen Schwestern 00 und 000 daherkommt. Das wäre möglich, aber vollkommen unfair, denn 00 und Dreadnought unterscheiden sich von der Korpusgröße so voneinander, dass es kaum sinnvoll ist, diesbezüglich Vergleiche anzustellen. Beide Bauformen haben ihre Vorzüge und Eigenheiten.



Das bleibt hängen

Die D-28 ist auch in der 2017er Variante ein Knaller. Updates wie das schlankere Halsprofil, die neuen Mechaniken, das neu positionierte Bracing und nicht zuletzt der tolle Vintage-Farbton der Decke sind in jeder Hinsicht sinnvoll und ästhetisch. Sie verpassen dem altehrwürdigen Design eine Frischzellenkur. Der Charakterkopf D-28 ist mit rund 2.700 Euro Straßenpreis fraglos immer noch sein Geld wert.
Stephan Hildebrand

MODELL
  Martin D-28 (2017)
HERKUNFT
  USA
BODEN/ZARGEN
  Palisander, massiv
DECKE
  Sitkafiche, massiv
HALS
  Selected Hardwood
GRIFFBRETT
  Ebenholz
STEG
  Ebenholz
SATTELBREITE
  44,5 mm
BÜNDE
  20 Medium
MENSUR
  64,5 cm/25,4“
MECHANIKEN
  Grover-Sta-Tite-Mechaniken, offen,
Waverly-Typ, vernickelt
INTERNET
  www.martinguitar.com
EMPF. VK-PREIS
  3.370,- g (inklusive Koffer)